Das Oma Pferd

Mein Zelt steht am Ufer des Ogi nuur. Der See mit dem glasklaren Wasser liegt mitten in einer Graslandschaft. Ein Pferdezüchter und seine Familie leben hier. Vor ihrem Ger stehen sieben Pferde, festgemacht mit einer langen Leine. Es sind die Pferde, die zum Reiten benötigt werden. Der große Rest der Herde ist irgendwo auf Futtersuche.

Im Gepäck habe ich einen geliehenen russischen Sattel, der die Aufmerksamkeit der Mongolen auf sich zieht. Das Leder des Sattels ist kunstvoll geprägt. Einer nach dem anderen leiht sich den Sattel aus. Ein Junge fragt, ob ich ihn gegen seinen traditionellen mongolischen Sattel, der für einen Nicht-Mongolen sehr unbequem ist, tauschen möchte.

Gerne darf jeder den Sattel nehmen. Ich möchte ohnehin nicht reiten, besitze auch keinerlei Reiterfahrung. Am Ufer des Sees entlang zu wandern und die ersten sonnigen Tage nach drei Wochen Wolken und Regen zu genießen, ist viel erholsamer.

Die sehr gastfreundliche Familie lädt zu einer Reittour ein. Die Einladung abzulehnen wäre unhöflich. Es soll nur ein kurzer Ritt am See entlang, zu einer Wiese, auf der Hunderte von Edelweiß blühen, werden. Mir wird versichert, das ruhigste und friedlichste Pferd zu bekommen – die Oma.  

„Tschu“, rufe ich Oma auf dem Weg vom Ger zum See immer wieder zu. Das ist das Zauberwort um die Pferde in Gang zu bringen.

Plötzlich schwenkt Oma zur Seite und steht im See. Sie läuft immer tiefer hinein. Nun gut, denke ich: Das Pferd kann schwimmen, ich kann schwimmen, das Wasser lädt zum Baden ein – abgesprochen war jedoch eine Reittour an Land, keine Schwimmtour im Wasser.

Oma lässt sich nicht beirren. Ich habe keine Idee, wie ich sie aus dem Wasser bekommen könnte.

Der Junge, der uns begleitet, kommt auf seinem Pferd hinterher. Er zerrt Oma aus dem Wasser. Die hat ihren eigenen Willen. Entweder ins Wasser oder gar nichts. Ab jetzt hilft auch kein „Tschu“ mehr. Oma lässt sich hinterher ziehen.

Ich spüre eine innere Verbundenheit mit ihr.

Wir erreichen die Wiese später als gedacht und drehen sofort um. Nun steht Oma vorn – und läuft los!

Ein Blinken in der Sonne. Oma rennt. Schon versinken wir im Schlamm. Diesmal hilft keiner. Der Junge, der uns begleitet, ruft: „Das Pferd weiß, was es tut“.

Hoffentlich. Krampfhaft halte ich mich am Horn des Sattels fest. Nur nicht herunterfallen.

Vorhand, Hinterhand, Oma windet sich heraus, sieht sich kurz um und rennt Richtung Stall. Schnell überholen die anderen Pferde. Oma wird sofort langsam. Hoffentlich muss sie nicht wieder hinterhergezogen werden. Seitlich glitzert das Wasser des Sees in der Sonne. Wenn sie jetzt wieder in den See rennt – die anderen sind weit voraus.

Aber nein. Oma entscheidet sich für den ruhigen Gang, den See ignorierend. Plötzlich spüre ich wieder diese Verbundenheit mit ihr, in mir. Gedankenverloren genieße ich die friedliche Stille, die Wärme der Sonne, das sanfte Schaukeln auf dem Pferderücken. Viel zu schnell sind wir zurück am Ger.

 

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