Die Transmongolische Eisenbahn

Grüne Waggons glänzen in der morgendlichen Dämmerung, weiße Gardinen hängen an den Fenstern, in den Gängen liegen rote Läufer, auf den Tischen befinden sich Beutel mit Instant-Milchtee und Instant 3-in-1 Kaffee. Ich verstaue meinen Rucksack in einer Art Bettkasten unter der Sitzbank. Neugierig warte ich, wer noch, in das bisher leere Abteil, einziehen wird.

Die Abfahrtzeit rückt immer näher. Mir wird unheimlich. Alle Abteile sind voll belegt. Laute Betriebsamkeit ist zu hören. In meinem Abteil ist es still.

Pünktlich verlässt der Zug den Bahnhof. Da erscheinen zwei junge Mongolen, lächeln mich zurückhaltend an und setzen sich auf die Liege gegenüber. Sie reden und reden. Erleichtert über ihre Anwesenheit bewundere ich einmal mehr, die Ausgeglichenheit, die sie ausstrahlen.20.07.2013 - 9

Langsam rollt der Zug aus der Stadt in die Steppe. Die blauen Dächer einiger Häuser sind die einzigen Farbtupfer. Die Zugbegleiterin bringt Bettbezüge, Becher und heißes Wasser für den Milchtee und 3 in 1 Kaffee. Meine Mitreisenden packen ihre Vorräte aus – Chuschuu, Boortsog aus der Tüte und die unvermeidlichen koreanischen Instant-Nudeltöpfe.

Am Ende des Waggons gibt es eine winzige Küche. Davor sind Wasserhähne für heißes und für kaltes Wasser in der Wand. Die Mongolen aus den Nachbarabteilen bereiten sich Frühstück zu. Schnell riecht der Waggon nach den verschiedenen Suppen in denen Instantnudeln schwimmen können. Meine Mitreisenden gehen zum Essen zu ihrer Familie ins Nachbarabteil. Eine Atmosphäre von Häuslichkeit umgibt mich.

Das Zugpersonal zieht immer wieder den roten Läufer präzise in die Mitte des Ganges. So rollen und stoppen wir durch die endlose Steppe.

Mittlerweile ist die Temperatur im Zug auf 30 Grad geklettert. Alle ruhen auf ihren Liegen. Die Landschaft, die langsam vorbeizieht, besteht aus sandigem Boden. Tiere und Ortschaften sind immer seltener zu sehen.

20.07.2013 - 6Ab und an hält der Zug an einem Bahnhof. Zu spät bemerke ich, dass auf den Bahnsteigen fliegende Händler ihre Waren verkaufen. Sie stehen auf der Höhe der vorderen Wagen.  Als ich mir beim nächsten Halt eine Kleinigkeit kaufen möchte, stehen keine Händler da. Auch gut, denke ich, sie haben ohnehin nur Süßes verkauft.

Gegen Mittag steigt ein Mongole zu. Nun ist das Abteil voll belegt. Sofort sind alle im Gespräch, gerade so als ob sie eine Familie wären. Ein Irrtum.

Die Drei beschließen etwas gegen die aufkommende Langeweile zu unternehmen. Beim Zugpersonal gibt es Kopfhörer für die kleinen Bildschirme, die über den Liegen angebracht sind.  Zur Auswahl stehen sechs Filme. Mit einem Lächeln zu mir herüber entscheiden sich die drei für „Fluch der Karibik“.

Das Zugpersonal säubert unaufhörlich Toilette, Küche, Läufer.

Die Landschaft vor dem Fenster ist noch karger geworden. Einzelne vertrocknet-grüne Büschel stehen im grauen Sand. Rinder suchen in der Trockenheit nach Futter, die kleinen Dörfer werden seltener. Die Wolken scheinen zum Greifen nah. Der Zug verschwindet in einer Staubwolke.

Der „Fluch der Karibik“ ist vorbei. Die Mongolen packen ihre Bechertöpfe mit koreanischen Instantnudeln aus und holen sich heißes Wasser. Die Chuschuu bleiben, zu meinem Bedauern, unberührt liegen.

Draußen ist es dunkel geworden. Wir sind an der Grenze zu China angekommen. Die Pässe werden eingesammelt. Langeweile kommt auf. Plötzlich werden mir die Chuschuu angeboten. Ich strahle vor Freude, die Mongolen auch. Alle lachen.

Eine Stunde später gibt es die Pässe zurück. Der Zug rollt nach China. Auf der chinesischen Seite herrscht ein anderer Ton. „Stand up!“, werde ich angeraunzt – die Pässe werden eingesammelt.

Der Zug fährt vor und zurück. Es rumst und kracht. Wir fahren in eine Halle zum Umspuren.

Während unter den Waggons die Fahrgestelle ausgetauscht werden, wäscht das Zugpersonal die Waggontürrahmen und Türen ab. Zwei Stunden später rollt ein strahlend sauberer Zug nach China und hält auf dem Grenzbahnhof. Es ist mitten in der Nacht. Auf dem Bahnsteig, der eher ein Bahnhofsvorplatz ist, spielt klassische Musik. Die Mongolen stürzen aus dem Zug und in den Bahnhofsshop.

Im Markt herrscht großes Gedränge. Gekauft werden vor allem Obst und Wurstwaren. In China sind diese Waren preiswerter.

Ich suche eine herzhafte Kleinigkeit. Meine Hand tastet sich zu einem Fach im Wurstregal durch und greift zu. Als ich sie zurückziehe, halte ich ein Hühnerbein in der Hand. Mit einem Seufzer lege ich es zurück. Kein Problem denke ich, der Zug soll früh am Morgen in Beijing ankommen und bis dahin werde ich schlafen.

Weiterfahrt. Ich sitze im Abteil und starre Löcher in die Luft. Ein Mongole ruft „Lady, Lady.“ Ich soll unbedingt von seiner eben gekauften Wurst probieren.

Es wird Morgen und später. Irritiert schaue ich auf den Fahrplan. Der Zug ist erst am frühen Nachmittag in Beijing.

Nun bekomme ich Hunger. Auf dem Tisch liegen die Chuschuu. Wie gerne würde ich davon essen.

Ich blicke über die Chuschuu hinweg aus dem Fenster. Die Landschaft ist grün und bergig. In jedem Dorf, das vorbeizieht, stehen identisch aussehende Häuser in langen Reihen, rundherum sind Felder, auf denen Essbares wächst.

Mir wird Chuschuu angeboten – die Familie isst ihre Wegzehrung vor der Ankunft in Beijing auf.

 

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