Ich war in einem Land …

Die TU 204 der Air Koryo liegt ruhig in der Luft. Auf den Bildschirmen läuft das einzige Programm – ein nordkoreanisches Militärorchester spielt klassische koreanische und internationale Musik.

Der Flieger erreicht den nordkoreanischen Luftraum. Die Bildschirme werden dunkel, die Stewardess verkündet, dass wir die Grenze zu Nordkorea überflogen haben, auf den Bildschirmen erscheint ein Bild von Kim Jong-un. Dann läuft das Programm weiter.

Ich war in einem Land angekommen, in dem ein Personenkult um einen toten ewigen Präsidenten und seinen Sohn den Alltag bestimmt und der mich nach einer Woche bis in meine Träume verfolgte.

Ich war in einem Land, in dem jeder zweite Satz mit den Namen des ewigen Präsidenten Kim ll-sung und seines Sohnes Kim Jong-il anfängt. In dem rote Schilder an Tempeln, in den Bergen, Kooperativen auf dem Land, öffentlichen Gebäuden in der Stadt angebracht sind, auf denen in goldenen Buchstaben steht, wann der ewige Präsident und sein Sohn an diesem Ort waren. In einem Land, in dem die Menschen, je mehr Daten auf den Schildern stehen, umso stolzer über diesen Ort reden.

Ein Land, in dem rote Dreiecke auf dem Boden Orte markieren, auf denen der ewige Präsident stand und richtunggebende Worte sprach. Orte wie der Wasserfall beim Mt. Kuwol, der ‚Dem Volk zugutekommen soll‘. Die Dreiecke dürfen nicht betreten werden. Ein Dreieck ließ Kim ll-sung wieder entfernen, weil der Ort – eine Sitzgelegenheit an einem Picknickplatz – „Von allen genutzt werden darf.“ Die Begleiterin vor Ort, die uns diese Geschichte erzählte, war sichtlich gerührt von der Güte des ewigen Präsidenten.

Ein Land in dem an Plätzen, die Kim ll-sung besuchte, Granitblöcke stehen, in denen seine Worte eingemeißelt sind, wo auf den Feldern Banner zu sehen sind mit der Aufschrift ‚Großartige Juche Anbaumethode‘.

Den Namen des jetzigen Staatsoberhauptes Kim Jong-un, hörte ich dagegen bis zum Ende der Reise nur einmal: Wir liefen an einem kleinen Park mit Skateranlage und Badmintonplatz vorbei. Auf die Frage, was für eine Losung auf dem roten Banner steht, gab es eine überraschende Antwort. Dort stand, dass die Anlage zum Wohl des Volkes ist und sauber gehalten werden soll.

Kim Jong-un hatte festgestellt, dass es in Pyöngyang nicht genügend Parks gibt und angeordnet weitere anzulegen. Wäre der ewige Präsident der Auftraggeber gewesen, ich hätte es ungefragt erfahren.

Ich war in ein Land gekommen, in dem von allen öffentlichen Gebäuden, selbst in jedem U-Bahn Wagen, Kim ll-sung und Kim Jong-il als Doppelporträt herabblicken.

Ein Land, in dem die Menschen morgens entscheiden, welchen Anstecker sie tragen werden, den kleinen mit dem Porträt von Kim ll-sung, den Anstecker mit Doppelporträt oder die rote Fahne mit Doppelporträt.

Ich war in ein Land gekommen, in dem kein Geld, in einmal gebaute Häuser und die vorhandene Infrastruktur investiert wird. In dem Busse fehlende Rücklichter aufgemalt bekommen und mit Kohle gefüllte Güterwaggons, die geborsten sind, von Holz und Stroh zusammengehalten werden. Ein Land, in dem Lkw mit Kohlefeuerung fahren, in dem, alles Handarbeit ist – Felder düngen, pflegen, ernten, Steine zu Schotter für ein Gleisbett zerkleinern …., die Farmer jedoch Handys zücken.

In ein Land, in dem der Staat für alles sorgt und die Menschen das als Fürsorge wahrnehmen. In dem, die Miete für den zugewiesenen Wohnraum, Bildung, Gesundheit kostenlos sind. In dem die Menschen, die in der Hauptstadt leben, einmal im Monat Marken für Kleidung und Lebensmittel erhalten, um in einem speziellen Kaufhaus einkaufen zu können. In dem es, in der Hauptstadt, von wenigen Koreanern besuchte Läden mit Textilien und Lebensmitteln zu exquisiten Preisen gibt. Wo auf den Straßen kleine Kioske stehen, in denen Kekse, Süßwaren, etwas Gemüse und Wasser verkauft werden. Wo der Verdienst Taschengeld vom Staat ist – ein Student bekommt umgerechnet 4 Euro Stipendium im Monat. Das Geld reicht für einen Besuch im Vergnügungspark oder einen Restaurantbesuch im Monat.

Ich besuchte das Mausoleum und sah Nordkoreaner leise weinen. Ich bekam sehr glaubhaft erzählt, dass Kim Jong-il, wie ein warmherziger Vater war, dass die Menschen, als sein Sarg im kalten Dezember durch Pyöngyang gefahren wurde, ihre Jacken auszogen und unter den Wagen auf den Schnee legten. Eine Geste von warmer Aufrichtigkeit, bei der es mir kalt den Rücken herunter lief.

Ich erlebte tiefe Dankbarkeit für moderne medizinische Geräte, die als persönliche Geschenke von Kim Jong-il übergeben wurden.

Ich stand an einer Grenze, an der ich uneingeschränkt fotografieren konnte, die aussah wie ein Themenpark vor der Eröffnung. Ich stand vor der Studienhalle des Volkes in Pyöngyang, um zu fotografieren und löste ein kleines Chaos aus, weil ich einen Schritt zu weit gemacht hatte und unbemerkt auf einem militärischen Plätzchen stand.

Ich sah herrliche saubere Natur, Flüsse mit Trinkwasserqualität, sehr gut erhaltene Tempelanlagen. Ich sah Gebirge, in denen in jeden sichtbaren Fels, revolutionäre Worte gemeißelt wurden.

Mir begegneten fröhliche Menschen, mit offenen neugierigen Blicken, lachende winkende Kinder, Menschen, deren Gesichter von harter Arbeit gezeichnet sind.

Ich traf eine junge Frau, die schon gespannt darauf wartete, von ihren Eltern einen Mann vorgestellt zu bekommen, den sie heiraten kann.

Ich besuchte einen Kindergarten und erlebte Kinder, die ausschließlich in Gruppen spielen und Erzieherinnen, die immer freundlich lächelnd die Kleinen bei kleinsten Fehlern korrigieren.

Ich war in einem Land, in dem überall Monumente stehen mit Vater – Sohn Motiven und den Motiven Lebensweise, Ideologie und Kampfgeist.

Ich sah eine Hauptstadt, die geprägt ist von einer erdrückenden monumentalen Leere. In der die Nahverkehrsmittel überfüllt sind.

Ich war in einem Land, in dem Gäste ihre Pässe abgeben müssen, nicht alleine durch die Straßen laufen dürfen, Reisepläne unterwegs noch geändert werden, jede noch so kleine Änderung im Programm genehmigt werden muss. Ich hatte Guides, die alles getan haben, um kurzfristige Wünsche zu realisieren und sie tatsächlich erfüllten.

Ein Land, in dem Ausländer keine Won besitzen dürfen, aber einkaufen gehen können. In dem, Verkäuferinnen versuchen, einen Preis zu errechnen und an jedem Straßenkiosk in Cent und Euro zu bezahlen ist. In dem fehlendes Wechselgeld durch Wasserflaschen ersetzt wird.

Ich sah Koreaner mit Tablets aus eigener Produktion, mit denen man im nordkoreanischen Internet, das ähnlich wie ein Intranet funktioniert, surfen kann, erfuhr das Italien einen Jugendfreizeitpark gesponsert hat und dass in Pyöngyang drei Brauereien mit Anlagen aus Deutschland stehen.

Ich war in ein Land gekommen, in dem ein politisches System existiert, das es so kein zweites Mal gibt.

 

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