Auf der Mauer

Endstation. Der Bus aus Beijing hält in einem Dorf, das im Jiankou Abschnitt der Großen Mauer liegt. Von der Bushaltestelle führt eine staubige Straße zum Fuß des Gebirges. Die Große Mauer ist schon von Weitem zu sehen. Wie ein geschuppter Drache aus weißem Dolomitgestein windet sie sich von Gipfel zu Gipfel.

Durch Gestrüpp und Wald führt der Weg aufwärts, bis er vor einer acht Meter hohen Mauer endet. Rechter Hand ist eine Lücke. Die einzige Möglichkeit, um auf die Mauer zu klettern.

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Nur nicht nach unten sehen. Vorsichtig taste ich nach Mulden im Gestein, um mich langsam an der Mauer hochzuziehen. Dann ein Überhang. Mich verlässt der Mut und ich will aufgeben. Unter meinen Füßen geht es sechs Meter senkrecht in die Tiefe. Es gibt kein zurück.

Meine Arme zittern. Leicht oberhalb des Überhangs steht ein schmaler Baumstamm.  Den muss ich zu greifen bekommen. Ich nehme allen meinen Mut und meine Armkraft zusammen. Meine Zehen drücke ich auf die kleinen Vorsprünge, klammere mich mit einer Hand an einem Stein fest und lasse mit der anderen Hand den Halt los. Ich bekomme den Baumstamm zu fassen, hole tief Luft und ziehe mich über den Überhang.

Zitternd, mit weichen Armen und Beinen, sitze ich auf der vier Meter breiten Mauer. Der Blick über die Berge ist fantastisch. Die weithin sichtbare Mauer schlängelt sich über Bergrücken und durch das Grün der Landschaft. An vielen Stellen überwuchern Pflanzen die Mauer. Da das Innere der zwei begrenzenden Außenmauern mit Lehm, Sand und Schotter aufgefüllt wurde, haben sie genügend Boden zum Wachsen.

Der Mauerabschnitt, auf dem ich sitze, ist sehr verfallen. Peter, der Guide, wirft einen Stein. Es dauert, bis sein Aufschlag zu hören ist.

Kleine Steinbrocken lostretend, laufe ich aufwärts zu einem der Türme.

Die im Abstand von einigen Hundert Metern stehenden, ungefähr 12 m hohen Türme, dienten als Waffenlager und Wachtürme. Der Wachturm eines Kommandeurs ist deutlich von dem der Soldaten zu unterscheiden – die Decken sind höher, die Steine glatt geschliffen.

Durch eine Fensterhöhle blicke ich auf das endlose helle Band aus dem die Türme, wie kaputte Zähne ragen. Es führt mich abwärts und mit Händen und Füßen aufwärts.

Klettern, bis das Wasser alle ist. Hatte ich mich anfangs geärgert nur einen Liter Wasser dabei zu haben, bin ich jetzt froh darüber.

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Wasser gibt es im Gästehaus eines Farmers. Dazu Abendbrot aus eigenem Anbau und ein Zimmer mit Dusche.

Wecken um 2.30 Uhr. In der Stube des Farmers wartet bereits ein üppiges Frühstück. Mit vollem Magen und einem Himmel voller Sterne über mir, stolpere ich mit schnellen Schritten den beiden anderen hinterher. Zu Beginn der Dämmerung stehen wir an der Mauer.

Erleichterung. Eine Leiter lehnt senkrecht an der Wand. Auf der Mauer ist ein Wachturm, in dem eine halb verfallene Treppe zur Plattform hinauf führt. Fröstelnd warte ich oben auf den Sonnenaufgang. Die weißen Steine der Mauer leuchten in der Dämmerung.

Die Sonne schnellt hinter den Bergen hoch, taucht Mauer und Gebirge in ein eigentümliches Licht.

Wir machen uns auf den Weg, in den zehn Kilometer entfernten, renovierten Mutianyu-Abschnitt. Der Weg ist eine Achterbahn. Stufen, die in den Himmel steigen und auf denen ich kaum Halt finde. In die Tiefe fallende Wege auf denen ich mich, um Halt zu haben, von Zinne zu Schießscharte entlang hangele, die nur eine Armlänge voneinander entfernt sind.

Ich klettere steil aufwärts zum „Wachturm des hochfliegenden Adlers“, der auf dem höchsten Teil von Jiankou erbaut wurde. Balanciere auf der Mauerkante, weil Pflanzen ein undurchdringliches Gestrüpp bilden, und blicke auf besonders eindrucksvolle Teile der Mauer wie den Pekingknoten, an dem drei verschiedene Mauerabschnitte zusammenlaufen.

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Nach gut drei Stunden wandern entdecke ich, von einem Wachturm aus, eine rote Fahne. Dort beginnt der sanierte Teil, der nach Mutianyu führt. Bis dahin rutsche ich ein steiles Stück hinab.

Es ist früh am Tag und so ist dieser touristische Teil der Mauer, die hier aus Granit besteht, menschenleer. Steil führen Treppen nach unten und wieder nach oben. Von den rekonstruierten Wachtürmen geht der Blick weit ins Land.

Die ersten fliegenden Händler bauen ihre Stände auf. Touristen kommen, schnell wird es voll und laut. Ein Abgang führt ins Dorf und zum Bus nach Beijing.

 

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