Kambodscha

Streite nicht mit einer Frau, handle nicht mit einem Beamten, prozessiere nicht mit einem Chinesen.
(Aus Kambodscha)

Oktober 2017

Phnom Penh – Kratie – Ban Lung – Sra Em – Along Veng – Kompong Thom – Siem Reap – Battambang – Siem Reap

KambodschaEine Zusammenfassung:

Land unter. In Kambodscha ist Regenzeit und schon beim Landeflug auf Phnom Penh ist zu sehen, wie großflächig das Land überschwemmt ist. Vor den Visa on Arrival Schaltern tummeln sich viele Reisende, hinter dem Schalter sitzen 14 Beamte. Nach zehn Minuten des Wartens ist das Visum in meinem Pass.

Das Gästehaus liegt inmitten von Bars, in denen Männer kambodschanische Frauen treffen, um eine schöne Zeit mit ihnen zu haben. Ich versuche mein Glück am Bankgeldautomaten. Der spuckt jedoch keine Riel (kambodschanische Währung) sondern ausschließlich US Dollar aus: Der US Dollar und der Riel sind gleichwertige Zahlungsmittel in Kambodscha. Als ich später ein Busticket für meine Weiterreise kaufe, reagiert die Verkäuferin überrascht, als ich das Wechselgeld in Riel ausgezahlt haben möchte.

Den Rest des Tages sowie den folgenden Tag verbringe ich – unterwegs mit Tuk-Tuk (Motorikscha), zu Fuß oder mit dem Motorrad – mit dem Besuch von Sehenswürdigkeiten und geschichtlichen Orten, in denen die Herrschaft der Roten Khmer (1975-1978) dokumentiert wird.

Die maoistische Guerillabewegung der Roten Khmer wollte unter der Führung von „Bruder Nr. 1″, Pol Pot im Land ihre Vorstellungen von einem Bauernsozialismus verwirklichen. Nach dem Einmarsch in Phnom Penh wurde – unter Zwang – die umgehende Räumung der Stadt und weiterer Städte, befohlen. Ihre Bewohner wurden auf einen langen Marsch, den viele nicht überlebten, zu den Reisfeldern geschickt. Schätzungsweise 1,7 bis 2,2 Millionen Menschen – fast ein Viertel der Bevölkerung – kamen auf den Märschen und bei der Zwangsarbeit auf den Feldern um oder starben in Todeslagern. 

In Phnom Penh besetzten die Truppen ein Gymnasium und bauten es zur grausamsten Folterstätte – S 21 genannt – des Landes um. Das Gefängnis überlebten sieben von insgesamt 14.000 bis 20.000 Menschen.

In den ehemaligen Klassenzimmern im Erdgeschoss, die als Folterräume genutzt wurden, stehen verrostete Betten und Folterinstrumente, an den Wänden hängen Bilder der zu Tode Gefolterten. Klassenzimmer in den darüber liegenden Etagen wurden in etwa 2 Quadratmeter kleine Minizellen unterteilt, in denen die Gefangenen an die Wand gekettet wurden. Als Toilette stand ihnen ein schuhkartongroßer Behälter zur Verfügung.

Filmstreifen 1

Wer die Folter im Tuol-Sleng (S 21) überlebte, endete auf den Killing Fields von Choeung Ek. Etwa 17.000 Männer, Frauen, Kinder und Babys starben im Vernichtungslager. Um Munition zu sparen, wurden sie zu Tode geprügelt. Kleiderfetzen und Knochenfragmente, die vor allem zur Regenzeit an die Oberfläche gedrückt werden, liegen rund um die Massengräber. Mehr als 8.000 Schädel sind, sortiert nach Alter und Geschlecht, in einer Gedenkstupa hinter Glas aufgebahrt.

Kambodscha hat die Staatsform einer konstitutionellen Monarchie. Der 2012 gestorbene König Norodom Sihanouk lebte im Exil in Peking als Pol Pot 1975 das „Demokratische Kampuchea“ ausrief. Die Roten Khmer ernannten ihn – er unterstützte die Roten Khmer aus dem Exil heraus – zum Staatsoberhaupt. Nachdem er sich von den Machthabern abwandte, wurde er von Pol Pot im Königspalast festgesetzt. 1979, als Truppen Vietnams Kambodscha besetzten, ging Sihanouk erneut ins Exil nach China.

Obwohl fünf Kinder und mindestens 14 seiner Enkel Opfer der Roten Khmer wurden, arbeitete er von 1982–1990 erneut politisch und militärisch mit ihnen zusammen. Im November 1991 kehrte er nach Phnom Penh zurück. 1993 wurde er wieder zum König und Staatsoberhaupt Kambodschas ernannt. Er begnadigte einige der führenden Mitglieder der Roten Khmer darunter den ehemaligen Außenminister Ieng Sary, der als einer der Hauptverantwortlichen des Genozids gilt. 2004 dankte Sihanouk ab. Sein Sohn Norodom Sihamoni folgte ihm auf den Thron.

Das Palastgelände in Phnom Penh ist für die Öffentlichkeit – bis auf die privaten Bereiche – zugänglich. Das auffälligste Gebäude ist der für Amtshandlungen und königliche Hochzeiten genutzte Thronsaal. Leider ist der Thronsaal gerade für Besucher geschlossen. Wärter lassen nur einen Blick durch die geöffneten Fenster und Türen zu.

Getrennt durch eine Mauer auf dem Palastgelände, steht die Silberpagode. 5000 Silberfliesen bilden den Fußboden, die, bis auf eine kleine Ecke im Eingangsbereich, von Teppichen verdeckt sind. In der Mitte der Pagode thront ein riesiger Smaragd Buddha, davor steht ein Gold Buddha, bestückt mit über 9000 Diamanten.

Filmstreifen 3

Zum Geldausgeben zieht es mich zum russischen Markt, der seinen Namen aufgrund seiner Popularität unter russischen Auswanderern in den 1980er Jahren erhielt. Kunsthandwerk, Souvenirs, Kleidung vieler Marken – gefälschte und originale – gibt es in den Gassen.

Abends laden am Westufer des Tonle Sap, einem Seitenarm des Flusses Mekong, an mobilen Ständen frisch gegrillte Insekten, Frösche und Meeresgetier zum Probieren ein.

Am Morgen steht ein Zubringerbus zum Busbahnhof pünktlich vor dem Gästehaus. Überlandbusse fahren immer zur rechten Zeit ab, kommen meist zu früh an und nach 1,5 Stunden Fahrzeit wird an eine „Raststätte“ gefahren und eine Essenspause eingelegt.

Ich bin auf dem Weg nach Kratie, gelegen im „Wilden Osten“ Kambodschas. Pfahlbauten in den Dörfern, Schulen, umgeben von Wasser und während der jetzigen Regenzeit nur per Boot zu erreichen, eine Neuapostolische Kirche, kleine Raststätten ohne Stühle jedoch mit Hängematten ausgestattet – die Landschaft zieht vorbei.

Das Gästehaus in Kratie ist arg in die Jahre gekommen. Aus dem offenen Abfluss im Boden krabbeln Kakerlaken. Mit der Dusche treibe ich sie zurück und stelle den Abfalleimer auf das Loch.

Kratie ist ein ruhiges Nest mit französischer Kolonialarchitektur, die von den Roten Khmer nicht geschliffen wurde. Das größte Highlight ist eine Gruppe von Irawadidelfinen, die eine halbe Stunde von Kratie entfernt im Mekongdelta leben. Ein Moped bringt mich zur Bootsanlegestelle und 20 Minuten später legen wir an einer kleinen Sandinsel mitten im Mekong an.

In einiger Entfernung tauchen Rückenflossen im Wasser auf, Pfeifen ist zu hören, dann tauchen die Delfine kurz auf und sind gleich wieder verschwunden. Durch das schlammig-trübe Wasser sind sie besser zu hören als zu sehen und ich beschließe für mich, dass die Delfintour ein Flop ist, aber die eine Stunde auf dem Wasser, weitab von allem, zumindest einen Erholungswert hat.

Abends kommt Leben auf die Uferpromenade. Mobile Stände mit Eis, Bier, belegten Baguettes a la Kambodscha und die in Asien so beliebten Treffen zur gemeinsamen Gymnastik beleben die Meile. Geturnt wird an mehreren Abschnitten, Vorturner sind Männer, die Turnenden sind Frauen und die Jugend schaut, auf ihren Mopeds sitzend, zu.

Morgens werde ich sehr früh, durch nicht enden wollenden Kinderlärm, geweckt. Eine Schule steht zwei Meter von meinem Zimmer entfernt, die Fenster sind weit geöffnet und die Schüler beantworten Fragen ihrer Lehrerin nur im Chor.

Für heute habe ich beschlossen auf dem Markt alles zu probieren, was in Bananenblätter eingewickelt, angeboten wird. Es wird ein sehr süßer Tag: süßer Reis mit Feigenfüllung, süßes Reis-Mango-Gemisch, Reis mit Rohrzucker. Die überschüssige Energie laufe ich mir bei einem Bummel durch die Dörfer am Stadtrand ab. Touristen scheinen sich nicht allzu oft dorthin zu verirren – Verwunderung und Hallo sind groß.

Filmstreifen 4

Statt des erwarteten Ford Transit steige ich am nächsten Morgen in einen Toyota Hiace – 15 Sitze, 24 Reisende, vier Kartons mit Hühnern von denen eines ständig versucht aus dem Luftloch im Karton zu entkommen, Säcke, Taschen im Innenraum. An der Heckklappe werden zwei Motorräder und weitere Taschen festgezurrt.

Mein Ziel Ban Lung liegt fünf Stunden von Kratie entfernt, im Auto ist es eng, unterwegs wird jedoch oft gehalten – zum Essen fassen.

Ban Lung ist bekannt als rote Stadt, benannt nach dem roten Staub, in den sie meistens gehüllt ist. Da Regenzeit ist, habe ich den roten Staub in dicken Matschklumpen an den Schuhsohlen kleben.

Mein Homestay befindet sich etwas außerhalb, in einem kleinen Dorf, das 40 Familien beheimatet. Die Gastfamilie hat drei Kinder, eine Bambushütte mit zwei Räumen, von denen sie einen als Familienschlafzimmer nutzen, den anderen als Gästezimmer. Die Küche ist ein überdachter Raum am Haus. Neben der Bambushütte steht eine Holzhütte mit Dusche und WC, in der mein Zimmer ist.

Ein komfortables Bett füllt den Raum fast aus. Die dünne Bretterwand ist gleichzeitig die Wand zum Nachbarhaus. Die Ritzen zwischen den Brettern laden die Augen zu einem Besuch bei den Nachbarn ein.

Die Gastgeberin hat auf dem Markt einen kleinen Laden, der Gastgeber (Pov) hat sich gerade mit seinem Homestay selbstständig gemacht und betreut die drei Kinder. Seinen Kindern wünscht er ein besseres Leben und möchte sie auf eine Privatschule schicken. Die älteste Tochter war kurzzeitig auf einer staatlichen Schule, hat jedoch wegen des ständigen Unterrichtsausfalls – Lehrer erhalten so wenig Gehalt, dass sie auf den Feldern arbeiten müssen und je nach Jahreszeit nur 2 oder 3 Mal in der Woche für wenige Stunden unterrichten können – nichts gelernt und sie soll nun zu Hause bleiben, bis das Einkommen für die Privatschule reicht.

Abends gibt es kambodschanische Gerichte, die Nachbarn schauen vorbei, die Männer sitzen zusammen und trinken Bier. Getrunken wird, wenn jemand aus der Runde einen Toast ausbringt, was nie lange auf sich warten lässt. Eines trinke ich mit. Als Frau wird mir verziehen, dass ich die Einladung zu noch mehr Bier ausschlage.

Meine Gastgeber sind Buddhisten und spenden vor jeder Mahlzeit einen Teil des Essens dem hungrigen Geist, damit er der Familie Glück bringt und sie beschützt. Die Gabe wird vor die Grundstückspforte gestellt, Räucherkerzen angezündet, ein Gebet gesprochen – den Dorfhunden tropft der Zahn.

Filmstreifen 5

Pov lockt mich mit einem zweitägigen Dschungeltrip. Den ersten Teil des Weges legen wir in seinem Auto zurück. In einer Kurve hält er. Im Gestrüpp stehen drei Altäre. Pov opfert eine frisch angezündete Zigarette, eine Zweite raucht er selber. An einem Fluss wartet bereits ein Holzkahn, den Dschungelguide nehmen wir unterwegs mit ins Boot.

Die Dschungelwanderung beginnt auf dem Land eines Bauern, der Trockenreis anbaut. Hinter den Feldern dehnt sich der Wald aus. Pov braucht nach einer halben Stunde die erste Pause. Der mitgebrachte Reis wird gegessen, ein kurzer Small Talk folgt: „Redest du zu Hause wirklich nur deutsch?“ „Englisch redest du nur auf Reisen?“

Auf rutschigen Pfaden durchqueren wir den lichten Dschungel, queren Flüsse, der Guide sammelt Bambusrohr, um Trinkgefäße und Kochutensilien daraus zu fertigen, Pov schneidet jungen Bambus als Gemüsebeilage.

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