Andorra

Worüber man nichts weiß, darüber hat man keine Zweifel.
(Aus Andorra)

 AndorraEine Zusammenfassung:

Wir beschließen, für ein Wanderwochenende nach Andorra zu reisen. Das Fürstentum in den Pyrenäen wurde 1278 durch einen Schiedsspruch zu einem Gebiet erklärt, dessen Regierung sich ein spanischer und ein französischer Landvogt teilten. Erst 1993 wurde das feudale Gefüge mitsamt seiner symbolischen Tributzahlung an Frankreich und Spanien durch eine neue Verfassung, die Andorra als souveränes Fürstentum etablierte, abgeschafft. Staatsoberhaupt blieb jedoch der Bischof von Urgel (Spanien), gemeinsam mit dem Staatspräsidenten Frankreichs.

Andorra hat keinen eigenen Flughafen und so fliegen wir nach Barcelona, mieten uns ein Auto und erreichen unser Hotel in Sant Julià de Lòria – um ca. 20 Euro Mautgebühren erleichtert – kurz nach Mitternacht.

Am nächsten Morgen beschließen wir mit der vermutlich anstrengendsten Wanderung – die Besteigung des höchsten Berges von Andorra, den Alt de Comapedrosa (2943 m) – durchzustarten.

Hinter dem Tal von Arinsal, im Westen des Landes, beginnt der Weg mit moderater Steigung. Bereits nach 200 Metern schlängelt sich der Pfad über Wurzeln, Steine und durch Wasseradern hinauf ins Gebirge. Unter zwei Brücken hindurch stürzt Wasser in die Tiefe, duftende Bergblumen, Wasserfälle, schroffe Felshänge umgeben uns.

Filmstreifen 1

Unsere Mägen knurren. Warum wir keinerlei Proviant eingepackt haben, ist uns ein Rätsel. Einzige Kohlenhydratquelle ist der versehentlich gekaufte, süße Zitronensprudel. Laut Wegbeschreibung gibt es jedoch – nach den ersten drei Stunden Aufstieg – eine Hütte mit Bewirtung. In der Erwartung eines Imbisses wandern wir zügig voran.

Sehr hungrig erreichen wir die Herberge. Wanderer sitzen davor in der Sonne und vertilgen ihren Proviant. In der Hütte gibt es außer Softdrinks, Tee und einer reichhaltigen Auswahl an Alkohol – nichts.

Nach einer dementsprechend sehr kurz ausgefallenen Rast folgen wir dem Weg durch einen Bergkessel bis zum Ende des Tales. Das Gipfelfähnlein, das auf dem Comapedrosa weht, ist zu sehen. Über Schutt und Felsblöcke klettern wir weiter aufwärts, laufen ein letztes Mal vor dem eigentlichen Anstieg abwärts, bis wir an einem kleinen See, der teilweise mit Eis bedeckt ist und von einem Schneefeld gesäumt wird, stehen. Ein paar Meter legen wir im Schnee zurück, dann heißt es steil bergauf klettern, über Geröll, scharfe Felskanten und an steil abfallenden Berghängen entlang.

Filmstreifen 2

Dunkle Gewitterwolken überschatten den atemberaubenden Blick über die Pyrenäen, Donnergrollen ist zu hören. Es ist 18 Uhr. Eine halbe Stunde wollen wir noch weiter klettern. Schaffen wir es bis dahin nicht auf den Gipfel, werden wir zurückgehen, um nicht in die Dunkelheit zu geraten.

Die halbe Stunde ist vorbei, zwischen uns und dem Gipfel liegt ein letzter Anstieg. Egal wie das Wetter auch wird, wir wollen die Bergspitze erreichen.

Filmstreifen 3

Geschafft! Das Grollen kommt immer näher und so gönnen wir uns nur eine kurze Pause. Laut Wegbeschreibung soll es einen Pfad der direkt zum See hinunter führt geben. Vom Gipfel ist ein steil abwärts laufender Pfad zu sehen. Das muss die beschriebene Abkürzung sein.

Der Pfad ist eher eine optische Täuschung. In Sand und Geröll rutschen wir den Berg hinunter in ein lang gestrecktes Schneefeld. Immerhin durchqueren wir es zügiger als erwartet. Kaum haben wir den Talkessel erreicht fallen die ersten Regentropfen. Die Hütte ist bereits gut zu erkennen, trotzdem liegt noch eine Stunde Weg bis dorthin vor uns.

Filmstreifen 4

Zum Glück bleibt es bei ein paar Regentropfen. Trocken erreichen wir die Hütte und um etwas Energie zu tanken, trinken wir jeder schnell eine Cola. Der Hüttenwirt rät uns, nicht weiter zu laufen. Ein schweres Gewitter sei im Anmarsch. Egal, wir haben riesigen Hunger und wollen nur noch in die nächste Gaststätte.

Zehn Minuten später hagelt es kurz, dann geht ein Gewitter über uns nieder. Schutz suchend setzen wir uns unter eine abgebrochene Kiefer, sind jedoch schnell durchgeweicht. Wieder hagelt es. Auf den sonnenverbrannten Armen schmerzen die Körner besonders. An ein Weitergehen ist bei den vielen Blitzen, um uns herum, nicht zu denken.

Der Regen lässt nach, Blitz und Donner entfernen sich. Der Wettlauf mit dem Einbruch der Dunkelheit kann beginnen.

Die Wege sind steiler als wir sie in Erinnerung haben und der nächste Regenschauer lässt auch nicht lange auf sich warten. Da wir ohnehin schon völlig durchnässt sind und keine Zeit zu verlieren haben, laufen und rutschen wir weiter. Meine Hose zerreißt an einer scharfen Kante. Immerhin schaffen wir es, mit Anbruch der Dunkelheit am Auto anzukommen.

Die Restaurants haben mittlerweile geschlossen. Der Hunger ist jedoch so groß, dass wir in einen McDonald, der unweit des Hotels ist, gehen. Fünf Minuten, bevor er schließt, geben wir unsere Bestellung auf, und während um uns herum gewischt und geräumt wird, essen wir in aller Seelenruhe.

Nach dem Wandertag folgt ein Ruhetag. In der Hauptstadt Andorra la Vella durchstreifen wir die winzige Altstadt, besichtigen den Sitz des andorranischen Parlaments Casa de la Vall, fahren zur Kirche Sant Joan de Caselles, mit original Christusskulptur und Wandmalerei aus dem XII. Jahrhundert und weiter zum Roc del Quer, einer 20 Meter langen Aussichtsplattform, von der 12 Meter über dem Abgrund schweben. 

Filmstreifen 5

Kurz nach 19 Uhr sind wir hungrig zurück in Andorra la Vella. Heute haben die Restaurants noch nicht geschlossen, dafür gibt es warme Küche erst ab 20 Uhr. Um die Zeit zu überbrücken, essen wir einen Salat bei McDonalds, sitzen mit dem letzten Glockenschlag im Lokal und dann gibt es endlich eine Paella.

Zwei Wanderwege haben wir uns für den folgenden Tag herausgesucht. Den leichteren von beiden – den Weg zu den Tristaina Seen – nehmen wir als Erstes unter die Sohlen.

Für die Anfahrt folgen wir den Spuren der Tour de France mit dem Auto. Obwohl der Anstieg zu den Seen moderat ist, hegen wir Zweifel daran, die zweite Wanderung auch noch zu bewältigen: In den Beinen steckt noch der Aufstieg zum Comapedrosa.

Eine halbe Stunde später stehen wir vor den drei Seen, umrunden sie im geruhsamen Tempo und stellen fest, dass wir uns warm gelaufen haben.

Filmstreifen 6

Der größte See Andorras ist das Ziel der zweiten Wanderung. Ein herrlicher Weg führt auf 4570 Meter Höhe zum See Juclar. Frisches Grün, duftende Blumen, schroffe Felsen, Wasserfälle, Wasserläufe, die uns nasse Füße beim Durchqueren bescheren – die Landschaft ist paradiesisch.

Der See liegt zwar idyllisch in den Bergen, wie wir bei unserer Ankunft feststellen, war jedoch der Weg das Ziel.

Filmstreifen 7

Eine bewirtschaftete Herberge steht am Rand des Sees. Äpfel und Schokoriegel haben wir diesmal im Gepäck, aber ein kühles Getränk käme uns gerade recht. Wir werfen einen kurzen Blick in die Herberge und es ist klar, dass es nicht einmal das gibt.

Auf dem Rückweg verlieren wir die Markierung aus den Augen. Über steile Kanten und rutschige Felsen klettern wir abwärts, bis auf der anderen Seite eines Wasserfalls die Markierung zu sehen ist. Ausgerechnet an der Stelle ist die Strömung stark und das Gefälle steil. Trotzdem schaffen wir es nach mehreren Anläufen trockenen Fußes auf die andere Seite.

Am Ende der Wanderung bleibt noch Zeit, um den Abend bei einem andorranischen Menü ausklingen zu lassen. 

Der erste Versuch ist ein Flop: französische Küche zu Spitzenpreisen. Auf dem weiteren Weg Richtung Sant Julia de Loria wird das Angebot nicht besser. Lange rumsuchen wollen wir nicht und fahren ins Restaurant, in dem wir gestern schon waren. Bei klassischen andorranischen Gerichten unterm Augustiner Bräu Sonnenschirm, ließen wir es uns gut gehen.

Abreisetag. Der Flieger geht erst abends und so haben wir die Zeit, um zu erleben, was die Spanier in die zwei großen Handelszentren, die unmittelbar hinter der Grenze in Andorra stehen, zieht: Andorra ist nicht nur ein Steuerparadies, die Mehrwertsteuer in Höhe von 4 Prozent (Spanien 21 Prozent) wurde erst 2006 eingeführt, Tankstellen mit unschlagbar preiswertem Sprit stehen entlang sämtlicher Hauptstraßen.

Nach diesem Andorra Highlight, was wir abgesehen von Sprit- und Lebensmittelpreisen, gar nicht so preiswert fanden, besichtigen wir noch die Benediktinerabtei Montserrat in der Nähe von Barcelona und fliegen nach einer gelungenen Erwanderung eines ganzen Landes an einem Wochenende nach Hause.

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