Koman Stausee

Vier Minuten

Die Zeit steht still, hier im Norden Albaniens. Mit großem und kleinem Gepäck stehe ich an einem Anleger am Koman Stausee. Der See, der sich durch das schmale Tal des Drin zieht, schimmert blau-grün in der Sonne. Die kargen steilen Felswände die ihn umrahmen glänzen hell, unterbrochen von grünen baumbewachsenen Hügeln. Der Kapitän einer Fähre schließt mich lachend in seine kräftigen Arme. Seine Wärme ausstrahlenden Augen sehen mich verschmitzt an. Mit sanftem Nachdruck werde ich auf sein Schiff geschoben. Es ist ein herrlicher Spätsommertag und so wandert das große Gepäck unter Deck und ich auf das Deck. Als die Fähre ablegt sind nur wenige Leute an Bord. Ein paar Albaner, eine Handvoll Touristen und ihr deutsch sprechender Guide.

Der Kapitän steht am Steuer und spielt mit seinen Gehilfen Karten. Die Fahrt führt durch Fjorde und Täler, die an die wilde raue Landschaft Norwegens erinnern. In dieser Idylle bemerkt niemand, wie das Heck des Schiffes stetig tiefer sinkt. Versunken in die urwüchsige Landschaft die an mir vorbeizieht, rutsche ich auf der Bank langsam Richtung Heck. Am Ende der Bank angekommen rutsche ich wieder vor. Erst das Aussetzen des Motors unterbricht das friedvolle Bild.

Der Kapitän spielt weiter Karten. Alltag. Das Schiff kommt von der Fahrtrichtung ab. Steuerungslos im See treibend, kommen die Felsen, die steil und schroff ins Wasser abfallen, immer näher. Jetzt beendet der Kapitän sein Kartenspiel. Ohne Eile, mit seinem verschmitzten Lächeln im Gesicht, geht er in das Innere des Schiffes. Ölverschmiert taucht er kurz darauf wieder auf, zieht sein Hemd aus, ruft „ok ok“ und geht zurück in den Motorraum.

Das Schiff schlägt an die Felsen, prallt ab und treibt in die Mitte des Sees. An Bord bleibt es ruhig. Fragende Blicke und leise Worte werden untereinander ausgetauscht. Wieder taucht der Kapitän auf, gibt mit seiner Hand das Zeichen „Folgt mir“, nimmt Anlauf und springt wortlos ins Wasser. Seine Gehilfen lösen die drei Rettungsringe und geben sie den Nichtschwimmern. Es sind die einzigen Rettungsmöglichkeiten die es gibt.

Ein alter Mann weigert sich einen der Ringe zu nehmen, er habe schließlich für die Überfahrt bezahlt und gehe erst am Ziel von Bord. Zwei junge Männer stecken ihn in den Rettungsring und schubsen ihn ins Wasser.

In die Realität zurück gerissen, wird das Beobachtete greifbar.

Das Drama hat längst seinen Lauf genommen. Der Ruf vom Guide „Runter vom Schiff, wir sinken“ schafft letzte Klarheit. Eine Stimme sagt „Die Rucksäcke schwimmen“. Ich will meinen großen Rucksack, der unter Deck ist, holen. Nur drei Treppen runter, mein Rucksack liegt griffbereit da. Ein Gurgeln ist zu hören. Die Hintertür schlägt krachend auf die Schiffswand. Öl und Wasser schießen mit Wucht in den Raum, reißen alles mit sich was im Weg ist. Der Rucksack fällt, bleibt liegen. Das Deck ist von einem Ölfilm überzogen. Ich rutsche abwärts. Das Schiff läuft rasant schnell mit Wasser voll. Meine Hände greifen ein Tau. Ich ziehe mich daran bis zur Reeling hoch. Das Schiff steht fast senkrecht im Wasser und ich auf der Spitze des Schiffes. Ein Blick hinunter, unter mir der Abgrund. „Springen“ ruft jemand aus dem Wasser. Auf dem Rücken ist noch mein Tagesrucksack. Der geht zuerst über Bord. Er schwimmt tatsächlich. Der Sprung hinterher. Ich tauche aus dem Wasser auf und die Spitze des Schiffes verschwindet im Wasser.

Vor vier Minuten, in der Sonne sitzend, habe ich mich noch gefragt, ob das Wasser wohl kalt ist. Ja, das ist es.

Das Ufer ist steil, das Felsgestein bricht bei dem Versuch sich festzuhalten ab. Nur mit viel Mühe gelingt es aus dem Wasser zu kommen. Ich klettere auf einen Felsvorsprung so schmal und lang wie meine Füße. Von hier führt kein Weg irgendwohin, findet kein Mobilfunknetz den Weg über die steilen Felsen. Hier steht die Zeit still. Alle die an Bord waren stehen, sich festklammernd, auf den Felsen oder sitzen eingeklemmt in Felsnischen, die keinen Raum für Bewegung lassen. Ermutigende Worte fliegen hin und her – es müsste heute noch ein Schiff hier vorbeifahren, das uns Gestrandete aufnehmen wird. Nach endlos langer Zeit, auf der Schattenseite des Ufers stehend, kommt das letzte Schiff des Tages – und – fährt vorbei. Alles Winken und Rufen hilft nicht. Freundlich winken die Passagiere des Schiffes zurück.

Ein Schuss ertönt. Das Schiff, eine Fähre, verlangsamt seine Fahrt.

Kapitän „Was ist los?“

Schütze „Unser Schiff ist weg!“

Kapitän „Sicher?“

Sicher. Die Fähre stoppt und steuert auf die Felsen zu. Es ist eine Autofähre. Ihre ausgeklappte Auffahrtrampe hält sie auf Distanz zu den Felsen und gibt uns die Möglichkeit einfach auf das Schiff zu gehen.

Im Zielhafen angekommen, schließt mich der Kapitän mit Tränen in den Augen, kraftlos in seine Arme, bevor er im Polizeiauto verschwindet. Ich komme im nächsten Ort in einem Hotel unter, kaufe mir ein Hemd für die Nacht, Zahnbürste und die wenigen Dinge die man wirklich braucht. Am nächsten Tag setze ich meine Reise mit kleinem Gepäck fort.

 

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