Gestrandet

Optimistisch gestimmt lassen wir uns an der dschibutischen Grenze absetzen. Es ist früher Nachmittag und irgendein Fahrzeug wird schon noch Richtung Dire Dawa in Äthiopien fahren und uns mitnehmen.

Vor dem Grenzgebäude in Gallile lungern ein paar Leute herum. Einige Meter weiter stehen Hütten. Der Abfertigungsraum ist kahl – zwei Tische, ein Stuhl, zwei PCs. Der Grenzer sieht unfreundlich zu uns herüber. Ohne Fahrgelegenheit über die Grenze? Um diese Uhrzeit? „Heute läuft hier nichts mehr. Fahrt zurück ins Dorf, übernachtet dort und kommt morgen früh wieder.“

Wir wollen ausreisen. Der Grenzer steht auf und geht Mittag essen. Aha – wir stellen unsere Rucksäcke auf den Tisch. Zweimal werden wir gefragt, ob wir wirklich jetzt ausreisen wollen – JA.

Der Typ scheint seine Mittagspause bis zum Feierabend auszudehnen. Da erscheint ein Kollege, trägt die Passdaten langsam in ein Buch ein – endlich geht es vorwärts. Der PC wird hochgefahren, die Passdaten ausgelesen. „Hinsetzen! In die Kamera sehen!“ Das Foto gelingt, die Software möchte es jedoch nicht verarbeiten. Vier „PC-Experten“ kümmern sich darum. Uns läuft die Zeit davon.

Endlich sind wir ordnungsgemäß ausgereist. Eine staubige Straße führt zur 300 m entfernten äthiopischen Seite der Grenze. Ein Bus hält, für 200 Birr (8 Euro) können wir die 300 m mitfahren.

Wir laufen. Auf äthiopischer Seite werden wir mit einem erstaunten Blick empfangen, der Ebola-Test wird gemacht, wir dürfen den Abfertigungsraum betreten. Fingerabdrücke werden gescannt, der Ton ist freundlich: „Ein Auto? Morgen früh ist hier alles voll, heute fährt nichts mehr. Im nächsten Dorf gibt es einen Raum zum Schlafen, kommt morgen wieder.“

Draußen liegen auf einer überdachten Betonfläche Reisende, die auf den Zug warten, der einmal in der Woche von Dschibuti nach Dire Dawa fährt. Wir gehen zum Zollgebäude und setzen uns auf die Stufen. EIN Auto muss noch kommen.

Ein Jeep hält, wir werden gefragt, ob wir mitfahren wollen. Würden wir sehr gerne, nur in die andere Richtung.

Wieder werden wir auf die Übernachtungsmöglichkeit im nächsten Dorf hingewiesen – wir bleiben sitzen. Erstaunt über unsere Hartnäckigkeit lädt uns einer der Zollbeamten in das „Gästezimmer“ ein. Wir betreten einen kahlen Raum mit zerbrochenen Fensterscheiben, einem wackligen Schreibtisch, Pappen und einem Federkernboden die an der Wand lehnen, in der Ecke ein Schlaflager bestehend aus Pappe und dünner Bastmatte als Matratze und einer blauen Plastikplane als Kopfkissen.

Mein Reisegefährte legt sich schlafen. Der Zollbeamte lässt Khat besorgen, so bleiben wir beide fit für unsere Unterhaltung über den 24 h Dienst an der Grenze, das Bildungssystem in Äthiopien, seine Herkunft aus der Region Tigray, die Verfolgung der Bevölkerung in Tigray durch die Derg-Militärregierung und deren Sturz 1991.

Ab und an kommen Soldaten und Kollegen dazu, kauen eine Runde Khat mit und gehen wieder. Gegen Abend wird auf einem winzigen Ofen ein Holzkohlefeuer angezündet. Im Handumdrehen sitzen wir im dicksten Rauch.

Gegen 22 Uhr wird die Grenze geschlossen. Pappen und Federkernboden werden aus dem „Gästezimmer“ geholt, unsere Pässe tauschen wir gegen das Schlaflager in der Ecke ein. Die vier Zollbeamten rücken in einem anderen Raum zusammen. Einer beschwert sich kurz, erhält vom diensthabenden Chef eine klare Handbewegung als Antwort, wir legen uns hin.

Zum Schlafen kommen wir jedoch nicht. Ein eisiger Wind weht durch die kaputten Fensterscheiben. Auch wenn Pappe und Bastmatte die Kälte des Betons nicht durchlassen, die Härte des Bodens ist zu deutlich spürbar.

 

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